Zuflucht und Bedrohung: Die Natur als Protagonistin in literarischen Texten

Zuflucht und Bedrohung: Die Natur als Protagonistin in literarischen Texten

Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist ein uralter Erzählstoff. Und ein unerschöpflicher dazu: Geschichten von fernen Inseln prallen auf die Schilderung bedrohlicher Bergerlebnisse, der Wille zur ästhetischen Gestaltung misst sich an Erfahrungen von entfesselter Wildnis. Ausgeliefert oder aufgehoben, gestaltend und sich spiegelnd, eröffnen sich unterschiedlichste Erzählräume und -perspektiven. Die gewählten Bücher zeigen Figuren im Kräftespiel zwischen Faszination und Angst, Selbstbehauptung und Glücksgefühlen – und im Ringen mit sich selbst.

 

Im Roman Die grosse Angst in den Bergen des Waadtländers Charles Ferdinand Ramuz beschliessen die Einwohner eines Dorfs im Wallis, ihr Vieh nach einem lange zurückliegenden Unglück wieder auf die Alp hinaufzuschicken. Dort bahnt sich bald neues Unheil an: Eine Seuche bricht aus, die Sennen sind zu strikter Quarantäne gezwungen, einer nach dem andern erliegt der Angst oder verfällt dem Wahnsinn. Der 1926 erstmals publizierte Bergroman mutet wie eine archaische Parabel über die Moderne an.

 

In Marlen Haushofers Roman Die Wand findet sich eine Frau in einem Jagdhaus in den Bergen unvermittelt auf sich selbst gestellt. Am Tag nach ihrer Ankunft stösst sie auf eine unüberwindbare Wand, hinter der Totenstarre herrscht. Abgeschlossen von der übrigen Welt, richtet sie sich inmitten ihres eng umgrenzten Stücks Natur und umgeben von einigen zugelaufenen Tieren aufs Überleben ein.

 

Adolf Muschg stellt in seinem neuesten Buch Der weisse Freitag Goethes zweite Schweizerreise ins Zentrum. Anfang November 1779 überquert der Geheimrat in einem neunstündigen Fussmarsch durch Neuschnee den Furkapass. Eine Wette treibt ihn zu diesem leichtsinnigen Unterfangen. Muschg geht mit Goethe durchs Gebirge und denkt über seinen eigenen Lebensweg wie über die Naturkräfte nach, denen der Mensch damals wie heute ausgeliefert ist.

 

In Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln reist der Privatdozent Gilbert überstürzt nach Japan. Nach einem nächtlichen Traum ist er überzeugt, dass seine Frau ihn betrügt. Vor Ort stösst er auf die Reisebeschreibungen des klassischen Dichters Bashō, und plötzlich hat er ein Ziel: Wie die alten Wandermönche möchte auch er den Mond über den Kieferninseln sehen und sich in der Betrachtung der Natur verlieren. Durch die Begegnung mit dem suizidalen Studenten Yosa aber bekommt das Ziel der gemeinsamen Reise – die Kieferninseln – eine neue Bedeutung.

 

Datum noch unbestimmt